von kruemel
Vergangenen Mittwoch hatte ich Geburtstag. Nicht dass das inzwischen noch etwas Besonderes für mich wäre – nein: Geburtstagfeiern ist inzwischen reinste Routine. Vielleicht ist das der Grund, warum es mich nicht mehr wie früher in Hochstimmung versetzt. Auf jeden Fall lag ich dienstagabends alleine in meinem Zimmer und versuchte, noch vor Mitternacht einzuschlafen. Wenige Stunden vorher war mir eingefallen, dass ich nicht im Entferntesten daran gedacht hatte, auch in diesem Jahr in den Geburtstag reinzufeiern, so wie die beiden Jahre zuvor. Kurzzeitig löste das ein sehr flaues Gefühl im Magen aus, und ich fragte mich nervös, ob ich noch schnell Leute zusammentrommeln sollte. Dann beschloss ich, dass ich mich nicht so wichtig nehmen sollte. Nichtsdestotrotz schlief ich nicht so schnell wie erhofft ein, und als es dann doch zwölf Uhr durch war, überkam es mich, und ich hörte mir das Ständchen von den Wise Guys an. Wir ham erfahr’n, dass man heut’ vor ein paar Jahr’n den Zeitpunkt günstig fand und Dich kurzerhand entband/ seit dem bist Du auf der Welt, schön dass es Dir hier gefällt/ alles Gute zum Geburtstag/ badadadadadada! Indes bekam ich noch eine Geburtstags-SMS und schlief – auch deshalb – schließlich glücklich ein.
Es ist ein seltsamer Lebensabschnitt: Absoluter Neustart.
Ich habe viel darüber nachgedacht und denke, dass das der Grund für meine derzeitigen enormen Stimmungsschwankungen ist, für tagelange Tiefs und urplötzliche Heiterkeitsanfälle: Ich bin mitten an einem der größten Wendepunkte meines Lebens angelangt. Wenn ich nächstes Jahr Ende März mein Abitur hinter mir habe, stehe ich vor der großen, weiten Welt, kann fast alles machen – und denke mir nur: Wenn nicht jetzt, wann dann? Nun will ich trotzdem nicht planlos einfach in die Welt hinausziehen; ich bin ein Mensch, der ein Ziel vor Augen braucht, der wissen will, was auf ihn zukommt. Innerhalb einer Kindheit und Jugend ändern sich nahezu ununterbrochen die eigenen Vorstellungen vom Leben, von dem was man machen, von dem, was man werden will. Dabei gibt es zwei Grundströmungen: Ich folge einem Masterplan für mein Leben, weiß, wo ich Karriere machen will – bizarrer Wiese sogar schon, was ich dabei verdienen werde. Beispiel: Gehobener Dienst für das Auswärtige Amt; nach 35 Monaten Ausbildung verdiene ich als lediger Beamter im Ausland 4.460.07 € im Monat. Die zweite Option ist es, das zu machen, was ich wirklich will, ohne dabei auf Konventionen oder Perspektiven zu achten. Beispiel: Literatur und Musik studieren, am liebsten in Berlin; Schriftsteller und Komponist werden. Wahrscheinlich scheitere ich damit grandios.
Es ist ein seltsamer Lebensabschnitt: Ein Leben im Konjunktiv.
Von der Bundeswehr wurde ich aufgrund eines nicht-operativ behandelten Kreuzbandrisses – zugezogen im Sportunterricht der vierten Klasse – ausgemustert. Ich kann nach meinem Schulabschluss also machen, was ich will. Am liebsten möchte ich ein Jahr lang außerhalb der abendländischen Kultur leben, ein FSJ in der Entwicklungsarbeit machen. Deshalb habe ich mich vor wenigen Tagen bei drei so genannten Entsendeorganisationen beworben, die Freiwillige an Projekte vermitteln und dort betreuen; die eine Bewerbung hat sich aufgrund eines organisatorischen Fehlers meinerseits schon jetzt erledigt. Das Gute ist, dass ich als amtlich Nicht-Wehdienst-Fähiger keinen Zivildienst machen muss: Sollten meine Bewerbungen erfolglos bleiben, könnte ich auch direkt studieren – oder mir privat ein Projekt suchen. Letzteres ist allerdings mit deutlich mehr Arbeit und Strapazen verbunden, so dass meine Motivation dafür wohl nicht reicht. Ich könnte also, wenn ich wollte, auch nichts müssen. Wie gesagt: Konjunktiv eben.
Es ist ein seltsamer Lebensabschnitt: Alles geht zu Ende.
Aber auf was es auch immer hinausläuft, es ist klar, dass mein bisheriges Leben nach und nach wegbricht, manches schleichend, anderes abrupt. ich werde nie wieder 18 Jahre alt sein – das Alter, in dem man alles darf, aber so wenig muss. Ach, als Schüler hat man es doch so gut, muss sich keine Sorgen um Geld machen, hat so viel Zeit für Hobbys und Freunde, und niemand hat große Erwartungen an einen. Doch mit dem Sommer, der zu Ende geht und der wohl der Sommer meines Lebens war, gehen auch viele Gemeinschaften ihrem Ende zu oder haben es bereits erreicht: Da war die Schülervertretungsarbeit, die mich auf Schul-, Stadt-, Landes- und Bundesebene ein Jahr lang mit so vielen netten, engagierten Menschen verbunden hat, mit denen ich oft Großes geschafft habe; jetzt musste ich aufhören, um mich aufs Abitur konzentrieren zu dürfen. Da ist noch der Domchor, mit dem ich diesen Mittwoch nach Salvador, – drittgrößte Stadt Brasiliens – auf Konzertreise gehe; die letzte große Reise nach Südafrika und St. Petersburg, bevor ich dann nächstes Jahr mit Mainz auch den Chor verlasse. Da sind einfach meine Freunde, die ich anlässlich meines Geburtstags vorgestern noch einmal um mich sammelte; zu den wenigsten werde ich Kontakt halten können, auch wenn mir so viel an ihnen allen liegt.
Es ist ein seltsamer Lebensabschnitt: Denn es geht weiter.
Als sich vor zwei Wochen zu diesen bevorstehenden und schon so präsenten Abschieden noch der Herbst und die Trennung von meiner Freundin dazugesellte, stürzte ich ein so tiefes Loch, dass ich fast nicht mehr hinausgekommen wäre. Ich stellte wirklich alles in Frage. Nun hoffe ich, dass mich elf Tage Sonne und Strand endgültig wieder lebensfroh machen; denn es wartet trotz all der Ungewissheiten und Ängste auch ein selbstbestimmtes Leben auf mich: ein Neuanfang ohne gleichen. Und auch die Monate zwischen schriftlichem Abitur und Auslands-FSJ bzw. Studium sollen unvergesslich werden, wenn wir in den jetzigen Konstellationen noch einmal alle das Leben genießen, bevor wir auseinandergehen und jeder seinen neuen Lebensabschnitt beginnt.
Genau, nur keine Sorge, man wächst mit den Aufgaben und wenn was schief geht macht man eben etwas Anderes. Und ich kenne niemanden der mit einem Masterplan wirklich glücklich geworden wäre. Und warum bleibst Du nicht einfach zuhause nach dem Abitur, ruhst dich aus und denkst einfach nach? In der heutigen Zeit ist das Leben von Karriere, Anforderungen und Hektik bestimmt, alle rennen und keiner weiß wirklich wo er hin will und ob er ankommt. Da verliert man nichts wenn man sich Zeit zum Nachdenken nimmt.
Viele Grüße
von Mutti
Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie Du Dich gerade fühlst. Im Grunde geht es mir nicht anders, denn das FSJ stellt nur ein Jahr Aufschub für jenes Problem dar, das allgemein als „wichtigste Entscheidung“ des eigenen Lebens propagiert wird. Meinen Tiefpunkt hatte ich im letzten Februar. Die Zweifel, die Du hast, zeichnen Dich aus, denn der bedachte Mensch, muss sich Gedanken machen, wenn das System in das man aufgewachsen ist, kurz davor ist, den doppelten Boden einzuziehen. Der vorerst letzte Sprung in der Charakterentwicklung steht nun bevor und gerade weil er weh tut, ist er wichtig und richtig. Zumindest ist das meine Erfahrung.
Den zentralen Punkt in der Einstellung, der zu dessen Bewältigung wichtig ist, liegt bei Dir – dem Text zur Folge – ja bereits vor. Genieße jeden Moment in allen Facetten. Sei bereit, Dich auch mal über die Intuition, nicht immer über die Vernunft, an eine Situation zu wagen. Genieße die Freiheit, solange sie bleibt. Aber fürchte Dich nie vor Verabtwortung, denn es tut so gut, wirklich gebraucht zu werden – selbst wenn es manchmal nur von Dir selbst kommt.
Liebe Grüße,
Michael
jetzt nachdem ich fertig geheult hab, fühle ich mich wieder ansatzweise in der lage etwas zu schreiben: du hast so recht! wie sollen wir all diesem druck standhalten? eben warn wir doch noch die kleinen mit pipi auf die grüne wiese und jetzt soll ich mein leben „endlich“ auf die reihe kriegen? „unmöglich“, sag ich da. „aber naja, irgendwie schaffts jeder“, denk ich mir. auch wir werden unseren weg finden. sei es als entwicklungshelfer in afrika, als unglaublich erfolgreicher geschäftsmann oder einfach nur als lausiger student. bei all diesen veränderungen wünsche ich mir nur eins: wenn du mal pipi auf eine grüne wiese machst, eine hose mit gestreiften taschen siehst, versuchst etwas zu kochen, ein wohlbekanntes lied hörst, oder versuchst ein baufälliges projekt mit allem einsatz zu retten obwohl du weißt, dass es ein fass ohne boden ist, dann, genau dann, wünsche ich mir, dass du mit mir kontakt aufnimmst (um nicht zu sagen „nanananana ruf doch mal an….“)
alles liebe!
deine beste freundin! komm bald wieder du fehlst mir hier!
Lieber Sören,
ja, Du bist in einer Phase großer Veränderungen. Es ist allerdings meiner Meinung nach kein „absoluter Neustart“. Du (d.h. Du als Person, als einmaliger Mensch) hast Dich bis jetzt entwickelt (ganz gut, meine ich) und Du wirst Dich weiter entwickeln. Ich wünsche Dir, dass Du Dich immer mehr zu Dir selbst entwickelst, d.h. immer mehr Du selbst wirst, Deine Bestimmung oder besser Deine Berufung findest. Individuation nennt das C. G. Jung. Also kurz gesagt: WERDE DER DU BIST.
Nach diesen philosophischen Anmerkungen zurück ins konkrete Leben. Ich glaube, es würde Dein Leben bereichern, wenn Du tatsächlich eine Zeit im Ausland in einem sozialen Projekt verbringen würdest (vielleicht gibt es ja unvermutet ein Angebot in Brasilien… ?) Dieses Vorhaben gelingt nur, wenn Du Dich darum kümmerst.
Und zum Studium: entscheide Dich nach dem. was Dir persönlich wichtig ist, womit Du Dich selbst mit Deinen Begabungen und Interessen am ehesten wieder findest.
Und auf jeden Fall hast Du uns, Deine Familie, Schwester, Bruder, Mutter
und mich, Deinen Vater.
Brücherchen: Du musst nicht weglaufen um Dich zu finden – das Weglaufen ist aber trotzdem eine der interessanten Möglichkeiten, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Mir ist nun, 10 Jahre nach meinem Abi klar, einige gute Freunde bleiben, auch wenn man sie nur 1x im Jahr sieht, andere kommen und gehen; ohne Schmerz und Trauer. Beides kann man eh nur empfinden nachdem man einen Verlust erlitten hat. Also: geh in die Welt hinaus, jetzt gleich, oder bleib noch ein wenig und genieß die Vorzüge einer Familie zu Hause etwas länger. Aber setz Dich nicht unter Druck, vergiss den Masterplan. Lauf einfach los mit nur einer groben Vorstellung, wo Du hinwillst. Ankommen wirst Du eh woanders – und dann fragst Du dich in ein paar Jahren, warum Du Dir vorher so viele Gedanken darüber gemacht hast.
Ps: Studieren ist eine wunderbare Möglichkeit, neue Wege zu erkunden.
Dein lieber liebender großer Bruder.