Nun sitze ich hier, schreibe meinen neuen Artikel, neben noch anderen zwanzig Leuten in der Bibliothek am Computer. Warum ich das kann? Weil ich Study Hall habe.
Study Hall ist eine Art Freistunde, nur mit dem Unterschied, dass man nicht frei ist. Der Sinn dahinter ist, die Stunde mit Schularbeiten, wie z.B. Lernen oder Hausaufgaben, zu verbringen. Wenn man nichts zu tun hat, kann man sich abmelden, die Zeit in der Bibliothek oder im Musikraum, falls man im Chor oder in der Marchingband ist, verbringen. Da die Lehrer aufgrund des nicht wechselnden Stundenplans (jeden Tag die gleichen Stunden in derselben Reihenfolge) selten Hausaufgaben aufgeben, verbringe ich die meiste Zeit während Study Halls in der Bibliothek …
Ähm …
Ich erschrak sehr, als ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass es etwas nicht stimmt. Es ist nichts Außergewöhnliches, aber einfach die Gewissheit, dass man zu etwas nicht mehr genauso in der Lage ist wie vorher, ist erschreckend.
Nein, es ist nichts passiert. Ich schreibe schlicht und ergreifend darüber, dass mein Deutsch immer wackeliger wird. Ich kann zwar noch deutsch sprechen, bin mir aber bei der Wortwahl unsicher. Komischerweise ergeht mir das nur beim Sprechen, nicht beim Schreiben. Vielleicht ist das auch besser so, denn wenn ich mich zu viel mit der deutschen Sprache beschäftige, habe ich nicht die Möglichkeit, mein Englisch zu verbessern. Das ist ein Argument dafür, in Zukunft meine Artikel auf Englisch zu schreiben.
Fastnacht in Le Mars
Gut, man kann es nicht mit Fastnacht vergleichen, aber es ist ein Ereignis für sich: Homecoming. Homecoming ist eigentlich das erste Spiel der Footballmannschaft und da hier American Football wie unser deutsches „Soccer“ gefeiert wird, feiert man gleich eine ganze Woche.
Jeder Tag in der Homecomingwoche ist einem bestimmten Motto unterstellt. Unsere Mottos waren „Sports Day“, „Superhero“, „Men in Black“, „Class Color“ und „Red and Black“. Zu „Sports Day“ gibt es nicht viel zu sagen; jeder sollte sich etwas sportlich verkleiden. Viele trugen Footballoutfits, vereinzelte sah man auch Karate- und sogar Fußballoutfits. Der Begriff „Super Hero“ wurde meiner Meinung nach etwas ausgedehnt. Die einen haben sich, wie ich es mir gedacht habe, wie Superman, Spiderman oder Batman verkleidet, die anderen wiederum haben sich als Detektive, Polizisten oder Militanten verkleidet – „Super Heroes“ im Alltag – verkleidet. „Men in Black“ erklärt sich weitestgehend auch selbst. Schüler und Lehrer haben sich in schwarze Anzüge geworfen, geschmückt mit einer schwarzen Sonnenbrille; sehr elegant für meinen Geschmack, aber auch andere trugen schwarze Kleidung. Vor der Homecomingwoche wurden die Farben für die Klassen bestimmt (Freshmen – pink, Sophomores – orange, Juniors – hellgrün und Seniors – schwarz). Für diesen Anlass wurden spezielle Homecomingshirts in den der Klassenstufe entsprechenden Farben verkauft. Hellgrün war für viele unter uns zwar nicht die schönste Farbe, aber was tut man nicht alles für den Schulpatriotismus. An jenem Tag bestand die Schule aus einem Meer von Farben, wie in einem Farbtopf. Nahezu alle Schüler hatten sich ihren Klassenstufen entsprechend verkleidet, und das sorgte für ein tolles Bild. Der letzte Tag der Homecomingwoche war der „Red and Black“-Tag. Dazu muss man erklären, dass rot und schwarz die Schulfarben sind und wieder haben sich viele Schüler die Mühe gemacht, sich dementsprechend zu verkleiden.
Am Nachmittag fand ein Umzug statt, in dem viele AGs ihren eigenen Wagen hatten: Footballer, Cheerleader, Cross Country-Mitglieder, … Auch ich war auf einem Wagen, der zwar keiner AG angehört, aber die „Foreign Exchange Students“ hatten auch ihren Wagen. So konnten wir viele kleine Kinder in der Stadt mit Bonbons und anderen Süßigkeiten beglücken.
Am Abend nach dem eigentlichen Homecomingspiel der Footballmannschaft war ein großer Homecomingdance. Schüler und Schülerinnen haben sich schick gemacht, um in einer Turnhalle mit Discolicht und DJ zu tanzen und zu feiern. Alles natürlich ohne Alkohol, denn trinken darf man hier erst mit 21. Bis spät in die Nacht hat man gefeiert; so wurde es mir zumindest erzählt.
Einfach irre! Danke für den Einblick in den amerikanischen Schulpatriotismus und noch einen schönen weiteren Aufenthalt! Michael
Vielen Dank für die vielen Kommentare.
@Sören: An meiner Schule wird Deutsch nicht unterrichtet. Ich spreche Deutsch mit meinen Eltern am Telefon und manchmal mit den anderen zwei deutschen Auslandsschülern an meiner Schule hier, auch wenn es von der Organisation nicht so gern gesehen wird. Deshalb rede ich nicht so oft mit denen Deutsch, aber es ist schon recht ungewohnt mit Deutschen Englisch zu sprechen.
Hallo Dominik,
dank Sören komme ich auch in den Genuss Deines Berichts aus Amerika. Ich habe den Eindruck, dass Du gut allein zurecht kommst. Du wirst selbständig und entwickelst Dich zum Erwachsenen.
Einen lieben Gruß
Günther
Nun ja, Dein Deutsch wirkt jetzt nicht so wirklich holprig. Aber ich kenne die Umstellungsschwierigkeiten und fühle mit Dir; andererseits ist es auch schön, ein zweisprachiges Leben zu führen. Wo allerdings, habe ich mich gefragt, kommst Du noch dazu, Deutsch zu sprechen? Wird es an Deiner Schule unterrichtet, und Du gibst Nachhilfe? :D
Sören
Hallo Dominik,
Dein Papa hat mir heute gezeigt, wie ich über das Internet
mit Dir in Verbindung treten kann.
Am Mittwoch war ich in der Uniklinik zur ambulanten Sprechstunde. Die behandelten Ärzte sagten mir, Sie hätten 2 Nachrichten für mich eine Gute und eine schlechte. Die Gute: mein rechter Fuß, muss sehr wahrscheinlich nicht amputiert werden, aber die Schienen und Nägel müssen für immer drinn bleiben, so dass ich nur mit Rollstuhl fortbewegen kann.
Viele liebe Grüße an dich und deine Gasteltern
Dein Opa
Hallo Dominik,
vielen Dank für diese Einblicke in Dein Leben, weiterhin alles Gute.
Papa