von kruemel
„Können die Dinge im Dunkeln vergehen? Ohne Interessen sind sie nichts. Das Dunkel werde durch die Schatten erst sichtbar. Grüße von der Literaturnacht“, schreibe ich um 23:49 in einer Kurznachricht. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Reihen der Literatur-Begeisterten bereits gelichtet: Zu viele alte Menschen waren da, für die elf Uhr abends schon keine Zeit mehr ist. Ich sitze mit zwei Freunden im Nebenraum; wir hören, wie Anna Katharina Hahn aus ihrem Buch „Kürzere Tage“ vorliest; es geht um Sören, die Daueraffäre eine der Protagonistinnen; wir können uns ein Lachen nicht verkneifen. Die Passage klingt beeindruckend: Ein Buch mehr, dass ich unbedingt mal lesen will, und ich finde es ein bisschen schade, als die Lesung vorbei ist. Doch dann werden wir doppelt entschädigt, als sich eine unnachahmliche Stimme erhebt; Christoph und ich haben uns bereits im Laufe des Abends geeinigt, dass das Modewort „porno“ diese weiblich sonore Stimmmelodie äußerst treffend beschreibt – vor allem, wenn man nur im Nebenraum sitzt und nur hört, statt auch sehen zu müssen. Marieke dagegen scheint unsere Begeisterung nicht ganz nachvollziehen zu können, als wir beide während der folgenden Lesung auf unseren Stühlen schmachten. Daran, dass die Dame vorne im Saal vorlesen kann, erkennt man sehr gut, dass sie keine Autorin ist, sondern vor allem moderiert – und eben liest. Von den gut zehn Büchern, die an diesem Abend in diesen hohen Zimmern gelesen werden, höre ich um die fünf; drei sprechen mich an. Wie bereits angedeutet wirken viele Autoren – vor allem die männlichen – sowohl im Interview als auch beim Vorlesen unstrukturiert, fahrig, nervös, was insofern verständlich ist, als ja das Schreiben und nicht das Reden ihre Zunft ist. Schade ist es trotzdem um die brillanten Texte, die ihr Potential aufgrund des schwachen Auftretens ihrer Schöpfer nicht voll entfalten. Was mir darüber hinaus auffällt: In mindestens jedem zweiten Buch geht es um den Tod; in jedem dritten erschießt sich eine junge Frau. „Wie unpassend, wo sich doch sonst eigentlich deutlich mehr Männer…“, kommentiert Marieke und hält sich, statt den Satz zu vollenden, die Faust mit gestrecktem Zeigefinger an den Kopf. Ich nicke bedeutungsschwer.
Zwischen den Lesungen ziehen wir in die Mainzer Altstadt um, in eine Straußwirtschaft, in der Christoph arbeitet. Das erst seit wenigen Wochen, aber er kennt die Bedienungen und die Gepflogenheiten bereits so gut, dass wir neben deutlichen Vergünstigungen auch noch Süßes zugesteckt bekommen. Wir trinken alle drei Weinschorle, genauer gesagt: Süßer Wein, sauer – also mit Wasser – gespritzt. Auch wenn eigentlich, klärt uns eine Kellnerin auf, junge Leute immer trockenen Wein mit Limo süß gespritzt trinken: Schmeckt milder und ballert mehr. Im Kellergewölbe neben den Toiletten, finde ich ein Klavier aus dem vorletzten Jahrhundert, seit dreißig Jahren nicht mehr gestimmt. Spielt man eine C-Dur Tonleiter klingt es wie harmonisch Moll, will heißen: exotisch-schräg. Dennoch kommt, als ich La Dispute von Yann Tiersen spiele, erfreut eine junge Frau aus der Toilette und fragt, wer hier „die Amelie“ gespielt habe. „Ich“, sage ich. „Schön“, sagt sie. „Danke“, sage ich.
Ein weiteres Highlight ist eine uralte Straßenbahn, die die ganze Nacht vom Gautor über den Schillerplatz zum Bahnhof und wieder zurück fährt: In ihrem Inneren wird „Die Irrfahrten des Odysseus“ gelesen und man kann sich wahrlich gut in die Wirren der Reise des antiken Helden zurückversetzen, während man verträumt beobachtet, wie viel Aufwand es früher war, Straßenbahnen zu führen. Die Vorleser sind Theaterstudenten, die man, sagt Christoph, auch im Unterhaus häufig sieht. Außerdem sei der eine der Fitnessstudiopartner seines Deutschlehrers.
Als Marieke sich nach zwölf schon wieder verabschiedet hat, bekommen wir beiden Übriggebliebenen auf der Straße noch Karten für eine Livefernsehliteraturtalkshow geschenkt und verfolgen diese noch müde im Spiegelzelt, bis es uns dann wieder in die Straußwirtschaft zieht. Die hat inzwischen geschlossen, aber der Chef lädt noch Wein aus, und die Bediensteten genehmigen sich ihre Feierabendgetränke. Ich werde herzlich aufgenommen und darf mich einmal durch die Weinkarte probieren, von staubtrockenem Merlot bis traubensaftähnlichem Eiswein – alles wurde vom Chef selbst angebaut und gekeltert. Und so schließe ich mit Goethe:
„Trunken müssen wir alle sein!
Jugend ist Trunkenheit ohne Wein;
Trinkt sich das Alter wieder zu Jugend,
So ist es wundervolle Tugend.
Für Sorgen sorgt das liebe Leben,
Und Sorgenbrecher sind die Reben.
Solange man nüchtern ist, gefällt das Schlechte;
wie man getrunken hat, weiß man das Rechte.“
achja und sorry für den Doppelpost bin mit dieser technik noch auf Kriegsfuß! (also einer der beiden löschen)
( und den auch ;) )
Und immer wieder fällt es einem auf, wie wenig die eigene Stadt ihrem Bewohner zu bieten hat.
Schade eigentlich, aber wenn schön beschrieben, mach es auch Spaß, davon zu lesen.
Und wieder mal gibts Großartiges vom Sören zu lesen. :-)