von kruemel
Endlich ist der Fernseher aus! Da bin ich einen Abend auf dem Zimmer geblieben, um mir und meinem anscheinend pflastermüden Knie eine Pause zu gönnen, und dann bleibt ausgerechnet Jonas ebenfalls im Hotel – mein Zimmergenosse mit dem Fernsehkonsum, der jedem Amerikaner Ehre macht. Zwei Stunden lief dann die Kiste, bis ich sie schließlich sichtlich genervt ausschaltete, um von ihm zu hören, wie schlecht das amerikanische Fernsehen trotz über 100 Sendern doch sei. Dementsprechend verbrachte ich nun also die Stunden mit der lautesten auf meinem iPod auffindbaren Musik – Rammstein – und unter vier Kissen eingegraben. Erneut wurde ich in meiner Annahme bestätigt, dass mir zuhause ohne Fernseher absolut nichts fehlt.
Philadelphia an sich ist sehr gemütlich, gerade wenn man frisch aus New York kommt. Alles ist kleiner, billiger, langsamer – und irgendwie persönlicher. Auf dem Papier ist diese Stadt geschichtsträchtig wie keine andere: Declaration of Independence, Constitution und was nicht noch alles wurde hier erdacht, niedergeschrieben, ratifiziert. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass die Geschichte der Vereinigten Staaten für mich eher weit weg ist, aber ich kann den historischen Städten und vor allem dem Terz, der hier um sie gemacht wird, nicht viel abgewinnen. Hier mal ein Raum, in dem unterzeichnet wurde, der aber trotzdem nur Tische, Stühle und vielleicht mal einen Gehstock zu bieten hat; dort mal eine Statue, ein Wohnsitz, eine Urkunde; und schließlich die Bell of Liberty, die eben objektiv nur eine kaputte – nicht mal schöne – alte Glocke ist, für mich nur im Zusammenhang mit „let freedom ring“ von Bedeutung. Dennoch ist das touristische Interesse immens, und es ist zumindest lobenswert, dass nahezu alles umsonst zu besichtigen ist.
Viel interessanter finde ich die Umstände, die sich dadurch ergeben, dass „Phili“ ein Zentrum der GLBT-Bewegung ist, also aller sexuellen Orientierungen neben dem Hetero-Mainstream: Gays, Lesbians, Bisexuals, Transsexuals. Überall hängen die Regenbogenfarben des Equality Forums, in den Zeitungsboxen gibt es kostenlos die PGN („Philadelphia Gay News“), und wenn man nachts unterwegs ist, wird man oft angesprochen und gefragt, was man heute Abend vorhat. Bisweilen kriegt man auf offener Straße Kondome und Gleitgel geschenkt; im Supermarkt gibt es Rektalduschen. Auch wenn es ein Klischee ist: Die Schwulen (man trifft vorwiegend Männer) sind überaus freundlich, fröhlich und hilfsbereit – sicher nicht nur, weil sie einen anbaggern wollen. Insgesamt wirkt die Stadt auch deshalb aufgeschlossen und fremdenfreundlich.