von kruemel
Fast drei ganze Tage bin ich nun schon in der wohl berühmtesten Stadt der Welt: New York. Spezifiziert: New York City, Stadtteil Manhattan, 42nd Street in einem für meine Verhältnisse noblen Hotel, 29. Stock. Ich nächtige hier mit drei weiteren jungen Männern meines Alters in einem Zimmer mit zwei Doppelbetten. Wir teilen uns also jeweils eines und das unter den Voraussetzungen nur eine Decke aber vier Kopfkissen pro Bett zu haben.
Es ist schon ein anderes Lebensgefühl hier in der Stadt. Jeder kennt New York – was es dort gibt, wer dort lebt, was dort passiert (ist) -, aber wenn man zum ersten Mal wirklich mittendrin ist, so ist man doch immer wieder überwältigt. Als ich zum Beispiel am Anreisetag abends am Times Square stand, fiel ich tatsächlich in eine Art Trance: ich nahm alles nur gedämpft und unbeteiligt wahr – als würde ich einen Film sehen, aber über etwas ganz anderes nachdenken; oder gar darüber einschlafen. Natürlich hat das auch mit dem Jetlag zu tun – dass ich schon zwanzig Stunden wach war, es aber nicht dunkel wurde; und doch hat mir die akute Reizüberflutung zumindest den Rest gegeben. Wenn man, wie ich, aus einer mittelgroßen Stadt kommt, die zwar laut und voll ist, aber eben überschaubar und für den Rest der Welt unbedeutend, dann kann einem der Times Square doch Angst machen. Aber es brächte nicht viel, würde ich das jetzt genauer beschreiben.
Besonders berühren mich die Menschen, die versuchen, auf der Straße ihre Geschäfte zu treiben. Sowohl die zahllosen Hot Dog-Verkäufer, als auch diejenigen, die nur Flyer verteilen wollen, scheinen dauerhafte Ablehnung zu erfahren und tun es trotzdem jeden Tag aufs Neue. Das krasseste Beispiel fand ich wiederum am Times Square: Während die anderen in ein Starbucks gegangen waren, stand ich, wie bereits erwähnt, paralysiert am Straßenrand und konnte die Augen nicht mehr von dem Lichtspektakel lösen. Da fiel mir ein großer und auch breiter Mann ins Auge, von dem eigentlich nicht viel zu sehen war. Erstens weil er einen grauen, reichlich verfilzten Vollbart hatte; zweitens viele und dicke Kleidung trug; und drittens alles von einer Pelzmütze mit Ohrenschonern gekrönt wurde, die das rote Gesicht eindrucksvoll einrahmte. Er warb mit einem immer gleichen „Check it out, check it out“ für eine Comedy Show und hielt drei Flyer in der Hand, während einfach niemand ihn beachtete. Schließlich ging er zum nächstgelegenen Kiosk und beschwatzte dort den Verkäufer, der ebenfalls nichts zu tun hatte, der sich aber wohl dachte, dass dieser Mann äußerst bemitleidenswert daher kam und deshalb tendenziell kein Fachmann für Comedy sein konnte.
Es gibt sie aber auch noch, die wirklichen Straßenkünstler: So wohnten wir am zweiten Tag der Reise einer Vorstellung der Positive Brothers bei, die eigentlich Artistik vorführen wollte, aber das Publikum deutlich mehr durch die charmante Moderation ihrer eigenen Vier-Mann-Show begeisterten. Zitat: „Your money keeps me away from two places: the poorhouse, and – your house, your house, your house, and your house.“ Auch der ältere farbige Mann, der in der Tube-Station Soul schmetterte, nahm uns voll in seinen Bann. So viel Inbrunst und Wonne mit einer brillanten Stimmung umgesetzt ist einfach höchste Kunst; ähnlich wie der junge Afro-Amerikaner, der am Rande des Central Parks auf Gebruchsgegenständen ein Trommelinferno entfachte, dass die Holzspähne nur so sprühten. Beide Künstler verdienen wohl nicht schlecht; aber das haben sie sich eben auch wirklich verdient.
Künstler – und solche, die es gerne wären – gibt es auch auf dem Eis. Vor dem Rockafeller Center, dem höchsten Gebäude New Yorks, steht eine Eisfläche zur Verfügung, die mit den unterschiedlichsten Charakteren bevölkert ist: hier die Mutter, die das Kind vor sich herschiebt, dort die Pärchen – und doch stechen zwei besonders hervor. Ein Schwarzer mit Dreads, der anscheinend als Aufseher angestellt ist und laufend Hingefallenen aufhilft; und ein Mädchen, vielleicht fünfzehn Jahre jung, die weder wirklich sicher noch künstlerisch auftritt, sich aber nach allen Regeln der Kunst in den Mittelpunkt stellt. Wie eine Eiskunstläuferin hier ein Hopser, da eine Drehung, dabei immer galant mit den Armen wedelnd, als strebe sie den Abflug an. Der bleibt ihr verwehrt, und stattdessen freuten sich einige Zuschauer um so mehr, wenn sie dann doch wieder mit dem eigenen Hintern auf dem Boden der Tatsachen landete. Die Show stahl ihr der Afrikaner, der nicht künstelte, sondern absolut rasant aber doch sicher seinen Arbeitsplatz und die damit verbundenen Aufgabe meisterte – zum Beispiel künftigen Eiskunstläuferinnen aufzuhelfen.
Ich muss zugeben, neidisch zu sein, wenn ich diesen Bericht so lese. Bleibt mir nur die Hoffung, dort auch einmal hinzukommen. Tortzdem sehr schöner Text, der ein Bild zu transportieren vermag. Ich hoffe auf mehr!
ich glaube ich muss auch ganz dringend nach new york!
PS: es tut so gut wieder was von dir zu lesen!
Sehr schön. Tolle, lebhafte Beschreibung. Wo sind die Fotos? :-)