von kruemel
„Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist.“
So beginnt es, mein neues Lieblingsbuch. Es ist von Jonathan Littell, hat 1359 Seiten und handelt, grob zusammengefasst, von einem ehemaligen SS-Offizier, der inzwischen alt geworden ist, und nun seine Geschichte aufschreibt. Die Wohlgesinnten. Ich habe zwar erst 70 Seiten gelesen, aber schon eine besondere Beziehung zu dem Buch entwickelt. Eine ganz Besondere.
Dass ich überhaupt zu diesem Buch kam, ist eine Geschichte für sich: Im Frühjahr diesen Jahres las ich in der Frankfurter Rundschau ein Interview, auf das ich aufmerksam geworden war, weil nur ein einziges Bild die vier Seiten schmückte: Jonatahn Littell in weißem Anzug, mit Ohrring links, den Kopf leicht gesenkt, böse blickend. Das Ganze halbiert auf Seite eins und vier; auf der Panoramaseite mittig als Ganzes. In der Einleitung zu dem Interview wurde stolz berichtet, dass Littell sonst nie Interviews gibt, und dass er schon ein komischer Kauz sei. Genau so lief dann auch das Interview: Die beiden driften häufig zu allzu privaten Themen ab, Littell stellt sich als Pessimist, als regelrechter Emo, heraus, der die menschliche Existenz bedauernswert findet. Es ist das beste Interview, das ich je gelesen habe. Danach war klar: Das Buch muss ich haben.
Wie das aber nun mal so ist, hat man meist zu viele Bücher, die alle gelesen werden wollen, und so verschob ich den Kauf erst einmal, zumal das Buch alles andere als billig ist. Als mir meine Mutter dann aber zum Geburtstag etwas Niveauvolles schenken wollte, ließ ich mich natürlich nicht bitten. Ein Mensch namens Jesus von Gerald Messiadié war plötzlich langweilig und aufschiebbar; nur noch Die Wohlgesinnten schien mir lesenswert, also begann ich sofort mit dem Lesen.
Man muss dazu sagen: Ich bin kein langsamer Leser, aber in meinem normalen Wochenplan findet sich nur selten Zeit für Dinge, die nicht nicht getan werden können, ohne dass ich jemanden enttäusche. Aber wer keine Zeit hat, muss sie sich nehmen. Abends zumindest, im Bett, bevor man sich schlafen legt. Und so lese ich jeden Abend meine fünf, sechs Seiten – wären es mehr, würde ich morgens nicht aus dem Bett kommen. Bei anderen Büchern wäre dieser Lesevorgang unbefriedigend: Man müsste an spannenden Stellen aufhören, man hätte das Gefühl, nicht voran zu kommen. Die Wohlgesinnten aber liest sich auf diese Art sehr angenehm. Ich würde sogar fast behaupten, dass es nötig ist, das Buch so langsam zu lesen – trotz seiner Länge. Denn die Absätze sind alle: lang, atemlos, kompliziert; auf zehn Seiten kommen durchschnittlich sieben Absätze. Dadurch hat man das Gefühl, richtig erschöpft, fast ausgelaugt aus jedem Absatz zu kommen – auch durch die teilweise unvorstellbaren, geschilderten Zustände. Wenn das Lyrische Ich sechs Seiten lang ohne einen einzigen Absatz die Zahl der Toten auf die Länder hochrechnet, auf die Minuten hochrechnet, auf die Sekunden hochrechnet, gerät man selbst in den Strom der Zahlen; sie hören nicht mehr auf, man ist dabei, ganz nah dabei.
Und so ist es sinnvoll, auch mal nach nur einem Absatz das Buch zuzuklappen, sich zurückzulehnen, und das Ganze zu verarbeiten; die trockene Sprache mit der der Offizier die Gräuel der damaligen Zeit erzählt, ist anwidernd und packend zugleich. Inzwischen habe ich das Buch von seinem unschuldigen weißen Umschlag befreit, und es liegt jetzt in Rot bei mir auf dem Nachttisch; Blutrot. Wenn ich abends weiterlese, traue ich mich nicht, vorzublättern, um zu schauen, wie lang mich der Absatz noch gefangen halten wird; ich habe nicht – wie ich es sonst bei wirklich jedem Buch zu tun pflege – schon nach dem ersten Satz den letzten Satz gelesen. Dieses Buch ist für mich ein Geheimnis, auf das ich mich täglich freue, und vor dem ich mich täglich fürchte.
Die Wohlgesinnten gibt mir nicht nur eine neue Perspektive auf die damalige Zeit, sondern es beschert mir auch ein neues Verständnis des Lesens an sich. Der Amazon Kindle mag ganz nett für Schulbücher und Sachbücher sein. Aber für richtiges Lesen spielt der Gegenstand des Buches eine viel zu große Rolle, als dass der Kindle das Buch jemals verdrängen könnte. In 280 Tagen kann ich dann übrigens mein nächstes Buch lesen.
Und ich weiß jetzt schon, dass Ihr beide von dem Buch begeistert sein werdet. :)
Ich habe in der FAZ ebenfalls einen Artikel über das Buch gelesen, bei dem einige Passagen zitiert wurden. Auf mich wirkte das alles irgendwie verstörend, aber gerade deshalb auch anziehend. Ich denke genau das beschriebt, wie Du ja auch geschrieben hast, dessen Reiz. Ich hoffe, dass es noch im Taschenbuch erscheint, da ich zur Zeit mit meinem Geld sehr haushalten muss.
Zum Thema Kindle: Das Medium Buch hat auch für mich einen unvorstellbaren ideellen Wert. Es repräsentiert Bildung und Gemütlichkeit in einer irren Symbiose, wie es sie sonst nicht gibt.
Zum Schriftlichen: Die Faszination kommt beim Lesen gut raus. Selbiges gilt für Dein Verhältnis zum Werk. Insgesamt sprachlich ansprechend, aber kennt man es bei Dir anders?
Dieses Buch….ich weiß noch, wie wir in England durch jeden Bücherladen gegangen sind um zu gucken, ob die es in englisch haben.
Freut mich, das du so viel Spaß dran hast bzw. Zeit um 6 Seiten vorm Schlafen gehen zu lesen ;P
Wenn du fertig bist kannst du ja mal zu uns in den Geschichts LK kommen. Brauchen noch nen Augenzeugen aus dieser Zeit *g*
Gruß Erik