von kruemel
Erwachen mit dem immergleichen komischem Geschmack im Mund; man erzählte mir einst, das käme davon, dass wir nachts auf Spinnen herumkauen. Ich habe trotzdem Hunger. C&A-Anzug überziehen, Frühstück: Zimtcroissant mit Deutscher Orangenmarmelade. Mit dem Fahrrad hinunter zum Chorhaus fahren, einsingen, Gottesdienst musikalisch ausgestalten. Es singen nur die Männer, die Knabenstimmen haben frei – wir sind froh, mal unter uns zu sein. Das Leben ist schön.
Mit dem Fahrrad nach Hause, einen sahnigen Quark essen, den Anzug ablegen. In der ZEIT schreibt ein Realo-Kommunist, dass der Linksrutsch in Arbeiterräten enden würde; ich lese den Artikel mit so großem Ernst, wie er ihn geschrieben hat. Dann ans Klavier. Wenn ich vormittags übe, dann einfach so aus Spaß; ich kann spielen, was ich will. Ich entschließe mich, meine neueste Komposition abzukürzen und rätsele, ob es Gis-Dur gibt, bis ich beschließe, dass ich einfach As-Dur nehme. Das Lied ist nicht so, wie ich erhofft habe, aber fertig, und das Leben ist schön.
Wieder aufs Fahrrad; ich fokussiere – da ohne Anzug – den sportlichen Aspekt und komme verschwitzt in Hechtsheim an. Ellen an der Tür, das Fahrrad lehne ich an die Mülltonnen. Drinnen gibt es dann das unverhoffte Mittagessen, obwohl der Sahnequark meinen Kalorienbedarf auf Jahrhunderte gedeckt hat. Katharina und Sven sind auch da, was uns gegenseitig für das langweilige Spiel entschädigt; und am Ende gibt es doch zwei Tore und drei Punkte. Der Hund zu unseren Füßen möchte nur von Händen gekrault werden, Füße sind ihm zuwider – wahrscheinlich weil diese auch mal versehentlichen auf seinen Schwanz treten, kommentiert Ellen. An sich ist das Leben aber auch für ihn schön.
Die Rückfahrt wird von Coldplay bestimmt, der Herbst tut sein Übriges. Die sinkende Sonne, der klare Himmel, die gelben, schon festgetretenen Blätter scheinen alles zu bejahen, was man denkt; sie lassen eine Assoziation mit jedem Gedanken zu, unabhängig von dessen Stimmung. Ich für meinen Teil beschließe, weniger ehrgeizig zu sein. Nicht immer verkrampfen, es macht doch alles Spaß, wenn man es nur aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet. Ein zweiter Platz ist auch schön, und an sich stehen mir in meinem Leben alle Möglichkeiten offen. Ich habe alles, was ich brauche, wirklich alles. Mit einem Mal ärgert es mich, wenn ich mich über meine kleinen Unzulänglichkeiten aufrege, wenn ich nicht genug haben kann. Denn Du kannst nicht alles haben – tscheng tscheng. Es ist doch auch so alles schön. Noch schöner wäre unheimlich.
Zuhause wird dann weiter Klavier geübt, diesmal der Pflichtteil. Immer wieder die gleichen Sequenzen, mit Noten, ohne Noten, mit Pedal, ohne Pedal. Noch drei Monate bis zur Aufführung, die Hälfte ist schon geschafft. Meine Mutter hört zu, fragt später bei Yann Thiersen, ob das von mir sei. Anschließend spülen wir zusammen, ich trockne ab, und sie erzählt von dem Spaziergang, den sie heute mit meinem Vater gemacht hat. Am Rhein bis nach Weisenau. Ich werde melancholisch: Hier war ich auch schon spazieren und habe die Chance meines Lebens vertan, weil ich zu begeistert von mir selbst war. Aber das ist Vergangenheit, und auch wenn ich es wohl niemals besser machen kann, will ich mich nicht mehr jeden Tag ärgern. Es wäre zu schön gewesen.
Eben beim Abendessen gegen Ende dann das Thema des Tages, Allerseelen: Die Toten. Am Freitag wurde mir vom Selbstmord eines Jungen meines Alters erzählt, den ich zumindest flüchtig kannte. Die Frage, was einen Menschen soweit bringen kann, beschäftigt mich seitdem immer wieder. Aber es ist natürlich naiv, zu glauben, dass für alle Menschen das Leben schön ist. An sich ist es schön, aber einigen Menschen kann das nicht bewusst werden, da die Dinge, die das Leben unlebenswert machen, ihren Alttag bestimmen. Heute Morgen im Dom habe ich für sie gebetet; auch, um mir selbst klar zu werden, dass ich doch so viel Glück im Leben und mit dem Leben habe. Mein Leben ist lebenswert, und dafür bin ich dankbar.
Das Leben ist schön. Sonntags.
Vielen Dank, Freunde. Es freut mich, dass Euch der Text gefällt, und hoffe, in Zukunft weiter auf ähnlichem Niveau bloggen zu können.
Übrigens: wem dieser Stil gefällt, sollte Homo Faber lesen.
Ein Wort: Meisterwerk!
Man Domi! Die Chance seines Lebens war doch in aller Munde! Sag bloß du hast davon nichts mitbekommen?!?Naja, man kann nicht alles wissen…
nun zum Text:
Hammer! Super. Ich kanns gar nicht anders sagen, perfekt sonntäglich, und ich komm auch drin vor xD Die vielen Kleinigkeiten die beschrieben werden und dann im Gesamtbild doch föllig unerheblich sind. Wundervoll! Danke!
Die gute, alte Routine: Schöner Text.
Was mich interessiert: was war die Chance deines Lebens?
Das PS muss noch sein und hat auch nichts mit diesem Artikel zu tun:
Stell deine Uhr in deisem Blog mal ne Stunde zurück, wenn das geht?! ;-P
Also diesen Text finde ich richtig klasse!
Einerseits stört mich zwar dieser ,auf mich etwas abgehackt wirkende, Schriebstil, andererseits ist er zugleich auch etwas, wenn nicht sogar DAS Besondere an diesem Text. Ich finde er regt besonders dadurch, aber natürlich auch inhaltlich, sehr zum Nachdenken an!
Das finde ich richtig gut.
Es wirkt auf mich wie eine gelungene Mischung aus Detailreichtum und einer Art „Abwesenheit“, um nicht zu sagen Oberflächlichkeit, die es nicht treffen würde.
Ich persönlich würde zwar ein, zwei Punkte womöglich etwas anders sehen, aber dennoch find eich ein sehr gelungener Text, der mich sehr nachdenklich gemacht hat.
Mach weiter so!