von kruemel
Anzüge sind schick, ohne Frage. Nur sind sie auch alltagstauglich? Das wollte ich gestern in einem Selbstversuch herausfinden. Zugegeben entsprach es eben auch den gegebenen Umstände: Ich singe im Mainzer Domchor, und dort ist die vorgeschriebene Kleidung für Auftritte für die Männerstimmen: Schwarzer Anzug, rote Krawatte, weißes Hemd und schwarze Schuhe. Die Schuhe hatte ich noch vom Abschlussball eines inzwischen zweimal verjährten Tanzkurses; also richtig schöne Tanzschuhe mit glatter Sohle und Herren-Absatz. Nachteil: Sie sind aus hartem Leder und kein bisschen gepolstert. Den Anzug habe ich mir zwecks meines Singens vor ein paar Monaten bei C&A gekauft; Hemd und Krawatte ebenso. Alles sehr bequem, sehr lässig, sehr billig.
Normalerweise bestreite ich als Grüner ja meine innerstädtischen Wege zu 100% mit dem Fahrrad. Dass ich dabei das rechte Hosenbein hochkrempeln muss, ist klar – und dass die Krawatte auch mal neben mir hinter dem Rad her flattert, auch. Die Abläufe sind reibungslos und bis jetzt ohne Zwischenfälle erprobt. Nun aber folgende Situation: Da ich anschließend an ein abendliches Konzert – genannt Serenade – noch auf eine Geburtstagsparty wollte, ergab sich der ungrüne Service, dass meine Eltern, die ebenfalls bei dem Konzert anwesend waren, mich nach selbigem noch auf die andere Rheinseite zum Feiern bringen sollten, ich deshalb also ausnahmsweise in die Stadt laufen statt radeln musste. Kein Thema dachte ich mir, Deinen Anzug kannst Du ruhig mal spazieren führen; und zog frohgemut Richtung Dom, zwanzig Minuten sind dafür realistisch.
Erste Schritte: Ich fühlte mich einfach – entschuldigt bitte das Kalauer – sauwohl in meiner Haut und, vor allem natürlich, in meinem Anzug. Ich unterhielt mich dann später zu fortgeschrittener Stunde mit einem Freund darüber, und auch er sagt: Sobald man einen Anzug oder auch nur einen Sakko trägt, fühlt man sich wie ein besserer Mensch. Das klingt arrogant, ist aber unausweichlich. Man geht aufrechter, macht größere Schritte, rückt sich regelmäßig den schiefen Krawattenknoten zurecht und denkt, ob man es will oder nicht, die ganze Zeit: Schaut mal, ich sehe so gut aus! – auch wenn einem diese Eigenschaft der Arroganz im sonstigen Alltagsbewusstsein gänzlich fremd ist. Selbst wenn man sieht, dass man von anderen belächelt wird: Ausnahmsweise steht man drüber; über alles und jedem.
Das mit den größeren Schritten hatte sich allerdings bald erübrigt, als die Tanzschuhe, die, weil ich mir damals die ewige Einkaufsprozedur sparen wollte, einen halben Zentimeter zu groß waren, sich derart hartnäckig an meiner Achillessehne zu schaffen machten, dass diese Warnsignale an mein Nervenzentrum schickte: Schmerz! Aua! Da ich nun aber keine Wahl hatte, habe ich mir gedacht, dass ich mich daran wohl gewöhnen müsste und hoffte, dass es eine Art Abhärtungsmechanismus in meinem Fuß gibt; urplötzliche Bildung von undurchdringlicher Hornhaut, oder so…
Wie ich später herausfand gab es leider nur den Abschälungsmechanismus, und der sorgte dafür, dass sich an den, vom Schuh tangierten, Stellen an der Ferse einfach die Haut ablöste. Doppelaua! und der Abend wurde vorerst nicht besser. Dabei versuchte ich vieles: Mal kleine Schritte machen; den überschüssigen Fußraum mit Taschentüchern ausstopfen; oder auch einfach nicht mehr als nötig laufen. Letzteres wäre wohl der einleuchtendste Plan gewesen, doch durchbrach eine Stellprobe und eine Männer-Podest-Schlepp-Aktion die Hoffnung auf Linderung. Wenigstens lernte ich dabei, dass, wenn der Chorleiter „Männer“ sagt, in erster Linie der Bass gemeint ist – was mir sonst immer die Brust schwellen lässt, ließ mich an diesem Abend innerlich aufjaulen.
Nun ja, irgendwie brachte ich das Konzert rum und war hernach so glücklich wie nie vorher, dass man im Alltag Turnschuhe tragen darf. Für den Brüller des Abends ließ ich den Anzug aber vorerst an und marschierte mit ihm, nebst zwei selbst gebackenen Kuchen, auf das, was man eben in unserem Alter unter Party versteht: Laute Musik, Unordnung und – tja – Alkohol. Meine nun also nicht mehr stocknüchternen Freunde stürzten sofort auf mich zu, herzten mich und den Kuchen – und einer fragte ob ich ne Freundin hätte, er würde mich so wie ich bin, mit Kuchen und Anzug, auf der Stelle nehmen.
Da das definitiv nicht in meinem Interessenspektrum lag, ließ ich mir ein stilles Zimmer zeigen und zog mich um. Nur die Turnschuhe behielt ich an, denn sie waren die Erlösung für gezeichnete Menschen wie mich. Mit ihnen marschierte ich dann auch wieder nach Hause um drei Uhr nachts. Um vier Uhr war ich dann zu Hause, hängte meinen Anzug in den Schrank und zog mein Fazit: Anzug: ja; Tanzschuhe: nein!
Ellen! Es hat funktioniert! Das Pflaster (bzw. die fünf oder sechs) bewahren mich vor den schlimmsten Schmerzen. Das hättest Du mir ruhig vor drei Wochen raten können. ;)
etwas leicht verspätet mein comment, aber wenn man bedenkt, dass ich morgen mathe schreibe… naja egal ich will mich hier jetzt nicht rausreden. mal wieder ein artikel der genau meinen geschmack trifft! Mitten aus dem Leben gegriffen. Und, was hälst du von nem Pflaster??? Lieben Gruß von deiner, als Mädchen umbequeme und Blasen verursachende Schuhe gewöhnten, besten Freundin!
Auf bald!
Ich habe leider gegnwärtig keinen passenden Anzug, was ich mir für Theaterbesuche seht wünschen würde. Dabei bevorzugt in locker-modernem Stil.
Wegen Deiner Füße hast Du mein echtes Mitleid, da ich Ähnliches schon unmenschlich oft erlebt habe.
Wie immer sehr gut geschrieben und zu lesen. Einfach weiter so!
Grüße, Michael
Anzüge sind einfach eine feine Erfindung in der Geschichte der Menschheit,
das lässt sich einfach nicht verleugnen…Wobei ich dir nach wie vor Recht geben muss, dass ein Frack immer und ewig unerreicht sein wird im Bezug auf den Stil und das nach aussen hin transportierte Niveau ;-)
…und die Krawatte hat nicht hinterher zu wedeln^^
Gruß
Dein roter Koalitionspartner :-D
Uhahaha…. der Tenor und die Männerstimmen… das kenne ich. Podeste schleppen ist nichts für die feinen Herren ausm Tenor!.
So… also, mit nem Kuchen kannst Du auch mal bei mir vorbei kommen… und der Anzug… naja, wenns Dir Spaß macht… nur dass ich dann nicht frage, ob Du noch zu haben bist! (*lach*)
Dein großer böser…. äääh lieber Bruder.
Sören, Du hast mich gerührt und überzeugt: Deine Eltern werden Dir ein paar bequeme Schuhe kaufen!
Dein Papa