Analyse der Textpassage in Akrokorinth bei Nacht (aus Homo Faber von Max Frisch)
Seiten 162 bis 165 (Suhrkamp BasisBibliothek)
- mit besonderer Berücksichtigung der Gefühle Sabeths gegenüber Faber -
Faber berichtet von besagter Nacht erst, als schon vierundzwanzig Stunden vergangen sind (Seite 162/Zeile 27). Nach seinem stimmungsmäßig unterkühlten Abend mit Hanna, der ihrerseits in Tränen endet, liegt er in Sabeths ehemaligem Zimmer, und sinniert sich, weil er nicht schlafen kann, glückliche Erinnerungen herbei; Erinnerungen, die so unwirklich – wie Jugenderinnerungen (162/27) – wirken, da sie im Kontrast zur Tragik und Verzweiflung des darauf folgenden Tages stehen.
Und doch erinnert sich Faber noch sehr genau an die Nacht unter freiem Himmel. Nachdem er und Sabeth kein Bett für die Nacht finden(163/1), folgt auf einen eigentlich nicht ernst gemeinten Vorschlag Fabers, die Nacht unter einem Feigen-baum zu verbringen, der wie so oft spontane Entschluss Sabeths, dies in die Tat umsetzen zu wollen (163/5). Bevor die beiden es sich jedoch unter einem Feigenbaum gemütlich machen können, hören sie aus der Ferne Gekläff von Hirtenhunden (163/7), die auf der Ebene Schafe hüten, so dass sie aus Angst, angefallen zu werden, in die Berge fliehen, wo sich kein Baum zum Nächtigen mehr findet, und sie so die Nacht mit Wandern zubringen (163/11).
Wie Faber und Sabeth so durch die Nacht ziehen, kommen sie durch die grotesken Formen der Landschaft im Dunkeln – und vielleicht auch, um keine emotionalen Gespräche führen zu müssen – zu einem Spiel, in dem es darum geht, Vergleiche für die Bilder der Natur zu finden (163/19). Auffallend ist hierbei erneut Fabers Fixierung auf technische Begriffe wie Glaswolle oder Elektronenbeschießung, wohingegen Sabeth alltägliche oder bisweilen künstlerische Vergleichsobjekte heranzieht: Cello, Seide oder Zinnen einer Opera. Doch allein die Tatsache, dass sich Faber zu einem sicher früher von ihm als infantil und esoterisch verrissenen Spiel hinreißen lässt, zeigt, dass er sich in den vergangenen Wochen gewandelt hat, und welch immense Rolle Sabeth dabei gespielt hat: Er ist längst nicht mehr nur kühl, rational und kalkulierend.
Man kann nur abschätzen, ob und wie Sabeth diesen Wandel beabsichtigt und vorausgesehen hat, beziehungsweise inwieweit sie ihn überhaupt erkennt. Der Text verrät uns hierzu nur, dass sie am Ende der Nacht sagt, dass sie glücklich sei (165/6), und es ist davon auszugehen, dass dies auch in der Nacht der Fall war. Allerdings drängt sich dem Leser und auch Faber die Frage auf, wie Sabeth die Aussicht auf den kommenden Tag, der das Ende der Reise bedeutet, verarbeitet (164/17). Nahliegend ist die Vermutung, dass sie im Hier und Jetzt leben möchte; den Augenblick genießen möchte; sich nicht mit Themen von morgen beschäftigen möchte. Innerlich wird sie dies aber wohl doch tun – es gibt Passagen, in denen sie schweigt, freiwillig Punkte abgibt (165/4), und in sich gekehrt genießt. Oder doch wehmütig dem möglichen Abschied entgegenblickt?
Mit Faber ist für sie ein neuer Mensch in ihr Leben getreten, an dem ihr viel liegt, bei dem sie jedoch nicht sehen kann, was die Zukunft bringt.
coole socke! solche artikel gelingen mir leider nie… ich sehe schon, du hast dich sehr gründilch mit dem buch auseinandergesetzt und es auch verstanden *g* ich bin beeindruckt. warum bekomme ich bei so was keinen newslatter?!?!